konzeptionelle
KOMPETENZ

Geschichtsbild

Die soziologisch-historische Dimension der Konzeptionellen Kompetenz

Wer in der (post-)modernen Gesellschaft Expertise liefern und führen will, benötigt einen soliden Überblick über globale histo- rische und sozio-ökonomische Zusammenhänge. Das Verständnis der zeitgeschichtlichen Megathemen ist genauso wichtig wie Fachkompetenz oder die Kenntnis hochspezifischer Marketingstudien. Zeitgenössische Soziologen sind sich grundsätzlich einig, dass wir derzeit einen Epochenwandel von der klassischen "Industriel- len Moderne" hin zur "Postindustriellen Spätmoderne" erleben. Unterschiede in den Epochenbezeichnungen und den gesell- schaftstheoretischen Schwerpunktsetzungen (Spätmoderne vs Spätkapitalismus etc.) einmal außer Acht gelassen. Fundierte Analysen hierzu: Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen: Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Suhrkamp 2019 Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp 2019 Die Moderne hat sich im 16. Jahrhundert ideell (Reformation, Säkularisierung, Aufklärung, Wissenschaft etc.) und strukturell (Entdeckungen und Eroberungen, Industrialisierung, Demokratisierung etc.) zu formieren begonnen und in ihren westlichen Ursprungsländern einen fundamentalen Umbruch in allen Lebensbereichen gegenüber der feudalen und kirchlich dominierten Lebensform des Mittelalters bewirkt. Auf der Basis technisch-ökonomischer Überlegenheit und kolonialer Expansion sowie postkolonialer Herrschaftsstrukturen ent- wickelte sich die Moderne zum weltweit dominierenden Existenzmodell gegenüber allen "nicht-modernen" Wirtschafts- und Ge- sellschaftsformen. Autoritäre politische Gegenbewegungen linker ("Diktatur des Proletariats") wie rechter ("Herrschaft der kul- turstiftenden Rasse") Herkunft konnten den Siegeszug des liberalen Modells letztlich nicht aufhalten. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sprach in seinem Buch The End of History and the Last Man aus dem Jahr 1992 nun zwar davon, dass sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten bald die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall durchsetzen würden. Einem Ende der Geschichte widersprechen jedoch sowohl ein erneuter Epochenwandel mit offenem Ausgang in den Kernlän- dern von Demokratie und Marktwirtschaft, als auch antiliberale Entwicklungen außerhalb des Westens. In Nordamerika und in Westeuropa ist die Transformation von der "Industriellen Moderne" zur "Postindustriellen Spätmoderne" derzeit voll im Gange. Extrene Individualisierung und Deregulierung sowie äußerste Dynamisierung und Wachstumsbeschleuni- gung haben in diesen Gesellschaften einen „Rasenden Stillstand“ (Hartmut Rosa) erzeugt mit unbewältigten systemimmanenten politischen, ökonomischen, psychischen und ökologischen Folgeproblemen. Durch folgende drei Phänomene ist dieses Modell aber nicht nur von innen, sondern in besonderem Maß auch von außen be- droht: Liberalisierung ohne Demokratie - die weltweite Ausdehnung einer liberalen Ökonomie unter der Vorherrschaft globaler westlicher Konzerne (Globalisierung) ohne gleichzeitige Demokratisierung der betreffenden Länder. Neuer Autoritarismus - das Wiedererstarken autoritärer Staatengebilde wie China oder Russland widerlegt zentrale Argumen- te Fukuyamas. "Kampf der Kulturen" - Traditionale Kulturen und religiöse Fundamentalismen sind beständiger, als angenommen. Anstelle einer Angleichung an die kapitalistisch-demokratische Moderne kommt es zum "Kampf der Kulturen" (Samuel P. Huntington). Nach der zeitweiligen Feindseligkeit zwischen den Ideologien kommt wieder der alte Konflikt zwischen den Zivilisationen zum Ausbruch. Dieser äußert sich nicht in klassischen Feldzügen, sondern in asymmetrischen Kriegführung (Terrorismus). Migration im Massenmaßstab aufgrund ökologischer Belastungen und prekärer wirtschaftlicher und politischer Verhäötnisse in den postkolonialemn und - kommunistischen Staaten. Die gestiegene Problemkomplexität sowie der innere und äußere Konflikt- und Veränderungsdruck verunsichert große Teile der Bevölkerung in den Demokratien der Postindustriellen Spätmoderne. Minderheitenorientierte Identitätspolitik, autoritärer Rechtspopulismus, Verschwörungstheorien und weitere illiberale Tendenzen sind die Folge. Da es keine Zukunftsgarantie für das "westliche Modell" gibt, erscheint eine Revitalisierung der Aufklärung für alle Freunde der offenen Gesellschaft unabdingbar.

Zukunftschancen für moderne Experten und

Leader

Die Geschäftswelt wird künftig von einer neuen Wissens- und Führungselite geprägt. Sie erlangt Autorität durch innovative Ideen, kollegiales Management und begeisternde Konzepte. Fachkompetenz und eine formale Position bilden dafür lediglich die Plattform. Die Postindustrielle Spätmoderne verändert grundlegende die Rollen von Experten und Führungskräften durch zwei Faktor- en:

1. Komplexitätssteigerung

Die Aufgaben von Fach- und Führungskräften sind zuneh- mend weltumspannend, turbulent und komplex, die relevan- ten Problemstellungen vielfach neu und unerforscht. Umfassende Megatrends treffen auf Gesellschaften mit völlig unterschiedlichen politischen, ökonomischen und kulturellen Reifegraden. Dies vollzieht sich in einer zunehmend instabileren ökologi- schen Gesamtsituation. Unübersichtlickeit und Turbulenz der weltpolitischen Entwicklung bergen Risiken, die auch auf der Mikroebe-ne ins Kalkül gezogen werden müssen. Informationsüberschuss und kulturelle Perspektivenvielfalt erzeugen einen hochgradigen Orientierungsbedarf gekoppelt mit massiver Entscheidungsunsicherheit.

2. Totale Konkurrenz

Online-Informations- und Dienstleistungsangebote, globaler Ex-pertenwettbewerb, Künstliche Intelligenz sowie eine neue Selbstl-ernkultur entwerten die Bedeutung marktüblicher Standardqualifikationen. Ausbildung, Studium und Erfahrung sind künftig nur noch die Eintrittskarte in ein Expertenfeld. Der Marktwert von Know-how, das auch über computerisierte Expertensysteme, künstliche Intelligenz oder weltweit verfüg- bares Humankapital gewonnen werden kann, sinkt rapide. Der globale digitale Wandel bewirkt eine zunehmende Aus- tauschbarkeit von Expertenwissen.

Konsequenz: Neue Experten- und Führungsrollen

Klassische Experten sind angestellt als Trainer, Dozent oder Lehrer, arbeiten im Dienst von Auftraggebern (Lehrauftrag, Trainingsauftrag etc.) oder fungieren als freischaffende Coaches, Anwälte, Ärzte etc.

Postmoderne

Als politisch-wissenschaftlich-künstlerische Richtung wendet sich die Postmoderne gegen Institutionen, Methoden, Begriffe und Grundannahmen der Moderne und versucht, diese zu überwinden. Das Innovationsstreben der Moderne wird als mechanisch und gedankenlos kritisiert. Die Moderne sei durch ein unumschränktes technisch-ökonomisches Fortschrittsprinzip gekennzeich- net, das bekämpft werden müsse. Dem wird die Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender Perspektiven gegenüber- gestellt. In der Architecktur werden die Unterschiede zwischen moderner und postmoderner Philosophie besonders deutlich.
Moderne als Dogma: das extremfunktionale Bauhaus in Dessau
Postmoderne als Dekonstruktion: Dancing House in Prag
"Alle Dinge dieser Welt sind ein Produkt der Formel: Funktion mal Ökonomie. Alle diese Dinge sind daher keine Kunstwer- ke. Alle Kunst ist Komposition und mithin zweckwidrig. Alles Leben ist Funktion und daher unkünstlerisch." Mit diesem Dogma beschrieb Hannes Meyer, der zweite Bauhaus-Direktor, den Sinn und Zweck seiner Schule. Vgl.: Hanno Rauterberg: Bauhaus. Ins Zeitlose entrückt. In: Die Zeit Nr. 4/2019, 17. Januar 2019
Postmoderne Entwürfe für Gebäude wurden auf dem Reis- brett in Einzelelemente zerlegt und auf unorthodoxe Weise wieder zu-sammengefügt. Das Dancing House in Prag soll einen Dialog symbolisieren zwischen einem totalitären, sta- tisch vertikalen Konzept auf der einen Seite und einem dy- namischen, im gesell-schaftlichen Umbruch begriffenen auf der anderen. Zudem erinnert es an eine Tänzerin im gläser- nen Faltenkleid, die sich grazil an den Herrn schmiegt.
Der Begriff Postmoderne wurde Jean-François Lyotards geprägt. In der Studie Das postmoderne Wissen (1979) erklärt er die phi- losophischen Systeme der Moderne für gescheitert. Lyotard selbst spricht nicht von philosophischen Systemen, sondern von „Erzählungen“. Die modernen „Erzählungen“ legten, so Lyotard, der Welterklärung jeweils ein zentrales Prinzip zugrunde (z. B. Gott oder das Subjekt), um auf dieser Grundlage zu allgemeingültigen Aussagen zu kommen. Damit werteten sie jedoch vor- oder nichtmoderne Betrachtungswei-sen ab und verkennen ihre eigene Existenzberechtigung. An die Stelle eines allgemeinverbindlichen Erklärungsprinzips (Gott, Subjekt, Vernunft, Systemtheorie, Klassenkonflikte etc.) setzt Lyotard eine Vielzahl von „Erzählungen" mit spezifischer Rationalität und gleichwertigen Erklärungsmodellen. Dienten in der Mo- derne die großen westlichen Fortschrittserzählungen noch dazu, gesellschaftliche Institutionen, politische Praktiken, Ethik und Denkweisen zu legitimieren, so wird dieser Konsens in der Postmoderne aufgegeben.

Wissenschaftliche Weltbilder als "Erzählungen"

Dem griechischen Mathematiker und Astronomen Ptolemäus zufolge befindet sich die Erde fest im Mittelpunkt des Weltalls. Alle anderen Himmelskörper (Mond, Sonne, die fünf damals bekannten Planeten und der Sternhimmel) bewegen sich in kristallenen Sphären auf als vollkommen angesehenen Kreis- bahnen (Deferent) um ihren Mittelpunkt. Erst im 17. Jahrhundert, also 1400 Jahre später, setzten Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und Galileo Galilei das heliozen-trische Weltbild durch. Das mit Anspruch auf empirische Richtigkeit formulierte ptol- emäische Weltbild war in der Genauigkeit seiner Bahnvorher- sage dem heliozentrischen Weltbild zwar überlegen, wurde jedoch widerlegt. Aus der Sicht der Postmoderne handelt es sich dennoch um zwei gleich wahre und schlüssige "Erzählungen."
Von Ralf Roleček - Wikimedia
Die Wirkung der Postmoderne ist ambivalent: Zum einen nimmt eine tolerante Sensibilität für Unterschiede, Heterogenität und Pluralität zu und damit die Fähigkeit, kulturelle Ver-schiedenartigkeit zu ertragen. Zum anderen wird die Geltung von konfliktträchtigen und "voraufklärerischen" Wahrheits- und Rechtsbe-griffen eingefordert. Die kulturspezifische Relativierung der Menschenrechte oder die Etablierung einer "postfaktischen" Politik liefern hierfür deutliche Beispiele. Vgl.: Ger Groot: Und überall Philosophie: Das Denken der Moderne in Kunst und Popkultur. dtv Verlagsgesellschaft 2019
Heute selbstverständlich: Persönlichkeitsentwicklung für Führungskräfte
Kreativitätsschulung für Experten und Führungskräfte
konzeptionelle KOMPETENZ
Sie sind ortsgebunden. An ihren Lehr- oder Beratungsinhalten haben sie keine eigenen Rechte. Das vermittelte Fachwissen kann auch von anderen angeboten werden. Ohne Alleinstellungskonzept, ohne eigene Wissensmarke und ohne eigenen Marktauftritt geraten sie zunehmend in die Abhängigkeit von Arbeit- und Auftraggebern. Nur Spezialisten mit eigenem Wissensprodukt kön- nen die Freiheit von Solopreneuren mit hohen und sicheren Einkommen genießen. Experten im vorgenannten Sinn haben die Eigenschaften von Unternehmern: sie sind selbständig und entwickeln eigene analoge oder digitale Informationsprodukte. Darüber hinaus arbeiten sie ortsungebunden und im eigenen Auftrag als Autoren, Kursan- bieter, Redner oder Blogger. An den vermittelten Inhalten oder Methoden haben sie folglich eigene Rechte. Eine vergleichbare Entwicklung gibt es bei Führungskräften. Sie stehen erstens unter dem Einfluss computergestützter Zusam- menarbeit über Zeit- und Ländergrenzen hinweg. Konsequenz: abnehmende Gelegenheit zur Abstimmung mit den Mitarbeitern im persönlichen Kontakt. Zweitens erfordern agile Teams mit hochqualifizierten, gefragten und selbstbestimmten Akteuren eine sozial-kompetente Füh- rung. Diese muss konzeptionell in die Zukunft denken und Strategien auf partizipativer Grundlage entwickeln. Hinzu kommt: auch Führungskräfte können sich aufgrund der digitalen Transformation weniger denn je allein auf Expertise als Legitimations- grundlage stützen.

Zusammenfassend bedeutet dies:

Globale Expertenkonkurrenz und hochentwickelte Informationstechnologie erfordern Spezialisten mit über-durchschnittlicher fachlicher, sozialer und vor allem Konzeptioneller Kompetenz. Offene Arbeitsmärkte, selbstorganisierende interne Strukturen und virtuelle Kooperationsformen relativieren Positions- und Fachautorität zugunsten persönlicher Führungsstärke. Die besten Fach- und Führungskräfte treten als Wissensunternehmer oder als Unternehmer im Unternehmen in Erscheinung und erlangen Markenqualität. Vgl.: Ehrenfried und Brigitte Conta Gromber: Die Zeit der Smarten Experten. Smart Business Concepts 2018

Konzeptionelle Anforderungen

Die folgende Konzept-Map gibt einen Überblick über die konzeptionellen Anforderungen im modernen Business-Alltag. Diese finden sich sowohl in Experten- als auch in Führungsrollen wieder. Nur auf der Grundlage von Konzeptionelle Kompetenz gelingt der Sprung vom Spezailisten zum Wissensunternehmer.
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